Der Jakobsweg -
Sieben Wege nach Santiago

Anfang einer Pilgerreise

Es schneit, was der Himmel hergibt und ist bitterkalt, als ich am Brunnen vor der Kirche in St.Jean-Pied-de-Port Wasser für meine erste Pilgeretappe zapfe. So hatte ich mir meinen Start auf dem berühmten Camino Francés, dem französischen Jakobsweg in den französischen Pyrenäen, nicht vorgestellt. Es ist zwar erst Ende März, genauer gesagt der 23. März 2007, aber wer hätte schon mit einem Wintereinbruch gerechnet. Als ich am Abend vorher nach meiner Anreise, Flug von Frankfurt-Hahn nach Biarritz, weiter mit dem Bus nach Bayonne und dann mit dem Zug nach St.Jean-Pied-de-Port, gleich zum Pilgerbüro ging, um mir einen  Pilgerausweis abzuholen und mir ein Bett in der Pilgerherberge zu reservieren, war das schlechte Wetter das Hauptthema.

Die erste Etappe nach Roncesvalles, dem Ort, der durch die Schlacht von Karl dem Großen und Ritter Roland aus dem Jahr 778 zur Berühmtheit gelangte, ist nicht über die eigentliche „Route Napoléon“, zu erreichen. Diese Route wurde ja auch sehr schön von Hape Kerkeling in seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ beschrieben. 30 km Landstraße stehen stattdessen auf der sogenannten Valcarlos-Route an, denn der original Camino, was auf Spanisch Weg bedeutet, ist vor lauter Schnee nicht mehr zu sehen, geschweige denn zu gehen.

Pilgerausweis

Mein Pilgerausweis, mit dem ich fleißig Stempel in Kirchen und Herbergen sammele, den so genannten Refugios, dient mir am Ende meiner Pilgerschaft als Nachweis, dass ich den Weg auch tatsächlich gegangen bin. Im Pilgerbüro von Santiago de Compostela, dem Ziel meiner Reise mit dem Grab des Heiligen Apostels Jakobus, werde ich dann die Compostela ausgehändigt bekommen, die Urkunde, die besagt, dass ich den Weg absolviert habe. Im Mittelalter war das ein ganz wichtiges Dokument, bedeutete es doch den Ablass aller Sünden. Während der Reise habe ich durch den Pilgerausweis die Berechtigung, in den Pilgerherbergen eine Nacht zu übernachten. Kirchliche oder städtische Herbergen operieren oft auf Spendenbasis oder es kostet nur einen geringen Obolus von 3 - 5 Euro für die Nacht. Private Herbergen verlangen etwas mehr, sind aber im Komfort deutlich besser. So findet man bei einer privaten Herberge nur 4 – 6 Betten pro Raum, während es bei kirchlichen Herbergen, die z.B. in einem alten Kloster untergebracht sein können, gerne bis zu 60 Betten oder mehr in einem großen Schlafsaal gibt. Und die Geräusche in der Nacht… ich wusste vorher nicht, dass Menschen solche Töne von sich geben können. Ohrstöpsel gehören daher als absolutes Muss mit in den Rucksack.  

Unterkünfte

In Roncesvalles gönne ich mir ein Hotel. Ich habe nach dem vielen Schnee, Regen und der Eiseskälte keine Lust auf eine Herberge mit vielen Pilgern und nur wenigen Duschen, bei denen nach einigen Litern Wasser eh nur noch kaltes Nass von oben kommt. Auf meiner weiteren Pilgerreise werde ich versuchen, eine gesunde Mischung aus Herbergen, Pensionen und Hostals zu nehmen. Am Anfang meiner Pilgerreise, die ich nach vielen Jahren des Reisens per Rad und immer zu zweit, nun alleine und zu Fuß unternehme, will ich eher alleine sein und ziehe Hostals und Pensionen vor. Nach zehn Tagen Pilgern möchte ich die Begegnungen mit anderen Pilgern machen und übernachte eher in den Refugios.  

Begegnungen

Und die Begegnungen mit anderen Pilgern sind mit das Schönste auf dem Jakobsweg. Man öffnet sich viel leichter dem Fremden, erzählt von seinen Problemen und Ängsten, sicher zu wissen, dem Anderen geht es ähnlich, sonst wäre er nicht auf dem Sternenweg unterwegs. Ich treffe z.B. Beatrice aus Österreich, die zuhause die Auswahl zwischen zwei Männern hat und nicht weiß, wie sie sich entscheiden soll. Oder Hans aus Bayern, der regelrecht auf der Flucht vor seinem Chef ist, mit dem er überhaupt nicht mehr auskommt. Eine Auszeit nehmen, sich überlegen, was er weiter mit seinem Leben anfangen will, gerade in beruflicher Hinsicht, das ist sein Ziel hier in Nordspanien. Für mich bedeutet es Bilanz ziehen, zurück zu schauen und nach vorne. Mein 40. Geburtstag steht bevor und ich denke es ist an der Zeit, zu überlegen, was war und was noch kommen darf und kann.

Statistiken

Der Jakobsweg zieht immer mehr Pilger an. Waren es im Jahr 2000 knapp über 50.000, die in Santiago ankommend gezählt wurden, so waren es 2008 schon über 125.000 Pilger. Der Anteil der Deutschen ist dabei nach den Spaniern der zweitgrößte, was sicherlich auch mit am Buch von Hape Kerkeling liegt. Die Alternativrouten, weitere Jakobswege, die historisch gewachsen sind, seit dem sich die Pilgerströme im 9., 10. und besonders 11. Jahrhundert von überall aus Europa gen Santiago de Compostela zogen, finden weiteren Zulauf. Denn dort sind deutlich weniger Pilger unterwegs, und trotzdem gibt es eine Infrastruktur, die das Pilgern angenehm macht. In Santo Domingo de la Calzada, das ich am Palmsonntag erreiche, sind die Bürger Pilger gewohnt. Denn nicht nur der Hauptweg, der Camino Francés kommt hier durch, auch der baskische Jakobsweg endet hier und vereinigt sich mit dem französischen Weg.  

Der baskische Weg

Der Camino Vasco, der baskische Weg, beginnt in Hendaye, in Frankreich an der Westküste, kurz vor der Grenze zu Spanien, und verläuft durch zwei baskische Provinzen. Das Bergmassiv des Aitzgorri kann durch eine natürliche Höhle überwunden werden, durch die der Weg läuft. Der sogenannte Tunnel von San Adrian wird manchmal auch als Wegbezeichnung für den baskischen Weg verwendet.

Küstenweg und Nördlicher Weg

Ein weiterer Weg, der in Hendaye beginnt, ist der Küstenweg, der Camino Costa. Er verläuft selbstredend immer entlang der Küste und passiert großartige Städte wie San Sebastian, Bilbao, Santander oder Gijon. Die Costa verde, die grüne Küste Spaniens, eignet sich das ganze Jahr über zum Pilgern, ist es hier doch deutlich milder als beispielsweise in den Pyrenäen. Mit Schneefall ist also kaum zu rechnen, dafür regnet es gerne und viel, sonst hätte dieser Küstenabschnitt Spaniens auch nicht den Beinamen grün verdient. Der Küstenweg geht dann in Ribadeo in den nördlichen Weg, den Camino del Norte über, der südlich weiter nach Arzua führt, wo der Weg sich mit dem Hauptweg vereint. Über den Küstenweg kommen jährlich nur bis zu 5000 Pilger in Santiago de Compostela an, Einsamkeit ist also garantiert. Trotzdem ist die Beschilderung gut und einfach zu finden, die Herbergen liegen allerdings oft weiter auseinander und sind auch kleiner als die auf dem Hauptweg.  

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